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Beschreiben statt benennen

in Intern, Schule, Sonderpädagogik on 18.02.22

Wieso hat es so lange gedauert, bis ich von diesem Prinzip gehört habe? Kaum habe ich davon gehört, erkenne ich: Das ist eigentlich so logisch. Wieso mache ich das nicht automatisch? In meiner Erzieher-Ausbildung hat man mir eingebläut immer schön alles zu benennen. Beim Memory: benennen. Beim Backen: benennen. Beim Bilderbuchbetrachten: benennen. „Kleine Wörter“ lernt das Kind durch das Sprachbad ja eh von alleine und muss nicht gezielt gelehrt werden. Vorausgesetzt es gibt ein Sprachbad. In meiner sonderpädagogischen Zusatzausbildung war Unterstützte Kommunikation (UK) kein Thema. Im Kollegium wurde ich eher weniger inspiriert. Bei meinen Lektüren bin ich nie auf dieses Prinzip gestoßen. Dann aber eben doch. Und:

Ich bemerke schnell, wo das Problem des Benennens im Hinblick auf UK liegt: das Vokabular steht nicht zur Verfügung. Schaue ich ein Bilderbuch zum Thema „Igel“ an, brauche ich jede Menge Vokabular zu diesem Thema: Igel, Laub, fressen, Stacheln, Kugel, krabbeln, Regenwurm, Winter, Winterschlaf, … Und nimmt sich das Kind/der Nutzer dann ein anderes Buch, brauche ich ein entsprechend anderes Vokabular, z.B. zum Thema Baustelle: Bagger, Lastwagen, kippen, schaufeln, graben, Helm, arbeiten, anstrengend, … Mich kostet es enorm viel Zeit diese Tafeln anzufertigen, Seiten zu programmieren oder eine Gebärdensammlung zu erstellen, und der Nutzen im Alltag ist …? Ja … Tja … Was bringt es dem Kind im Alltag, was bringt es ihm wirklich, eine Thementafel mit Bagger, Lastwagen, Igel und Co zu haben?

Stattdessen gibt es den Ansatz des Beschreibens: der Igel ist „braun“, die Stacheln sind „hart“ und sie tun „weh“, sie „helfen“ dem Igel, sie „schützen“ ihn. Der Igel schläft im Winter „lang“ und wenn er „Hunger“ hat isst er Regenwürmer. Wenn es im Winter „kalt“ wird … und so weiter. Zu hart ist vielleicht auch die Butter aus dem Kühlschrank, weh tut mal der Zahn, mal der Bauch, „helfen“ muss mir dann jemand, oder auch beim Erreichen des oberen Regals brauche ich Hilfe. Diese Wörter sind schon eher relevant für den Alltag. Auf der Baustelle ist es „laut“, ebenso wie es das ist, wenn die Schwester die Musik so sehr aufgedreht hat oder wenn Nachbarshund vor dem Fenster bellt. Der Helm des Arbeiters „schützt“ seinen Kopf und die Stahlträger sind „hart“ und „lang“, so wie die süßen Gummispaghetti, oder wie man eben gerne auf der Schaukel bleiben möchte. Wörter, die in vielen verschiedenen Situationen genutzt werden können um dort sinnvolle Kommunikation geschehen zu lassen.

Das Kind lernt beim Beschreiben etwas über ein Wort, über etwas und nicht lediglich den Begriff. Beim Beschreiben kommt Kernvokabular zum Einsatz, das in vielen verschiedenen Situationen nutzbar ist und nicht bloß Randvokabular, das oft lediglich in dieser einen Situation Sinn ergibt. Wenn ich über ein Ding sagen kann, dass es langsam, lang und braun ist, dann kann ich diese drei Wörter auch auf eine Schnecke anwenden, zwei davon auf einen Hammer und eines davon auf viele Tiere oder meinen Spielpartner beim Wettrennen.

Beschreiben scheint nicht so schwierig zu sein. Ich allerdings, sozialisiert mit dem Benennen, muss mich schon immer wieder ermahnen und daran erinnern, zum Beispiel Auswahlmöglichkeiten anzubieten: „Ist der Igel weich oder fühlt er sich hart an?“ „Gefällt dir der Bagger gut oder ist er langweilig?“ Auf dieser Seite findet man weitere Hilfen, z.B. Verzögerungen einzuplanen. van Tathoven empfiehlt 10-15 Sekunden und: „wait, watch, (pray)“. Ein Slogan, den man sich nicht nur für UK immer wieder in Erinnerung rufen kann. Offene Fragen zu verwenden oder eine Frage wie: „Erzähl mir, an was du dich erinnern kannst.“ hilft beim Beschreiben. Oder „Erzähl mir was über den Fisch zu Beginn der Geschichte.“

Beim Arbeiten mit Kommunikationshilfen sehe ich immer wieder, wie schnell Kinder Substantive lernen. Das Benennen fällt ihnen (oft) leicht, nicht zuletzt, weil die Piktogramme hier selbsterklärend sind. Und fällt es nicht so leicht, tut es dass spätestens, wenn der Groschen gefallen ist. Substantive lernen sich einfacher, weil der Tisch durch einen Tisch dargestellt wird, die Blume durch eine Blume und der Igel durch einen Igel. Aber: „Mit Substantiven kann man eine Einkaufsliste schreiben, aber nicht erzählen.“ (Quelle des Zitats) „Kleine Wörter“, das Kernvokabular macht die Sprache lebendig, vielseitig und wirksam. Wenn ich also lerne, dass der Igel „im“ Laub überwintert, und sehe, dass der Bauarbeiter „im“ Bagger sitzt, dann kann ich auch eher sagen, dass ich weiß, wo Mama ihre Brille vergessen hat, nämlich „im“ Auto – und ich muss nicht das Missverständnis ertragen, dass alle denken ich möchte Autofahren, wenn ich nur „Auto“ sage oder dass mir jemand bestätigt: „Ja, dort ist ein Auto.“.

Ich brauche Erinnerungshilfen im Alltag um mehr zu beschreiben und weniger zu benennen. Dieser Artikel hilft mir aber auch schon.

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