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Die Brückenbauerinnen

in Sonderpädagogik on 29.03.21

Wir müssen bei unserer Arbeit immer wieder Brücken bauen. Brücken zwischen uns und den Schülern, zwischen den Schülern untereinander, zwischen dem Stoff und den Schülern, zwischen und den Eltern, vielleicht auch zwischen Eltern und Schülern. Ich habe vor längerer Zeit zwei Brückenbauerinnen kennengelernt:

Kennst Du Gee? Nein, nicht die geklärte Butter. Die schreibt man auch mit „h“: Ghee. Nein, ich meine Gee Vero. Du findest über sie einen Eintrag bei Wikipedia. Ich kannte sie nicht, bis mir die Mutter eines Schülers von ihr erzählte. Diese Mutter hatte Kontakt zu Gee Vero aufgenommen, weil diese selber Autistin ist und einen Sohn hat, der ebenfalls Autist ist. Die Mutter war sehr beeindruckt von Gee Vero und ich kaufte ich mir eines ihrer Bücher: Meine Brücke zu dir – Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog (Kohlhammer Verlag, 2017).

In dem Buch von Gee Vero, eine Künstlerin, Autorin und Referentin innerhalb des autistischen Spektrums, und Melanie Matzies-Köhler, eine Psychologin außerhalb des Spektrums aber als Fachberaterin für Autismus doch innerhalb eines Wissensspektrums, sind Briefe und Emails zwischen den beiden zu lesen. Die Emails sind in 20 Kapitel, 20 Themen eingeteilt, zum Beispiel „Schule“, „Freundschaft“, „Therapie und Wahrnehmung“, „Glaube“ und „Begegnung“.

Frau Matzies-Köhler schreibt im Vorwort, Gee Vero und sie betrachten sich „als `Brückenauerinnen´, die die eine Wahrnehmung mit der anderen verbinden wollen.“ Ich finde, den beiden ist dies mit diesem Buch wunderbar gelungen, und deswegen möchte ich dir dieses Buch auch empfehlen. Es gehe ihr „nicht darum, einen Autisten zum Nicht-Autisten zu machen, sondern um Wertschätzung und Akzeptanz“. Wie selbstverständlich das sich dahinsagt, aber wenn man mal ehrlich ist, wird Autismus oft genug als Defizit angesehen mit dem Ziel es so weit wie möglich „wegzutherapieren“. Vielleicht ist dies mehr oder weniger unbewusst gerade im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung der Fall, wo „der Autismus“ entweder kognitives Potential nur schwer erkennbar und entfaltbar macht, oder wo er zu Verhaltensschwierigkeiten führen und ein Zusammenleben massiv beeinträchtigen kann – oder beides und mehr.
Das Themenfeld „Selbstkonfrontation“ hat mich am nachhaltigsten beeindruckt und auch verwirrt. Es ist schwierig zu verstehen. So schreibt Gee Vero selbst: „Es ist ja eine Wahrnehmung, also eigentlich verbal nicht vermittelbar.“ (S. 111) Darum habe ich mir mit Zeichnungen geholfen um besser zu verstehen:

Autist Gee 1 • Die Brückenbauerinnen
nicht Autist • Die Brückenbauerinnen

Ob Frau Vero mit den Zeichnungen einverstanden wäre oder sich missverstanden fühlen würde? Ich weiß es nicht.

Man muss ein wenig ihre Begrifflichkeiten verstehen. Die „Selbstwahrnehmung“ ist das, was auch Menschen, die nicht Gee Vero sind, als Selbstwahrnehmung verstehen: die Art und Weise, sich selbst wahrzunehmen. Zu viel Selbstwahrnehmung, vor allem in Verbindung mit anderen Menschen, führt bei ihr zu „Selbstkonfrontation“. Konfrontation ist für mich erstmal nichts Schlechtes, Gee Vero aber vergleicht diesen Vorgang mit einem Lagerfeuer: das ist angenehm warm (Selbstwahrnehmung), aber je näher man herangeht an sein Selbst, das Feuer, umso heißer und unangenehmer wird es. Zu viel Selbstwahrnehmung führt zu Selbstkonfrontation, die sie einen gefährlichen Scheiterhaufen nennt (S. 111) und die zu Autoaggression (vgl. S. 75) führen kann. Die „Ich-Masken“ schützen vor Verbrennungen, um im Bild zu bleiben. Das Imitationslernen ist wegen der Selbstwahrnehmung und der drohenden oder tatsächlichen Selbstkonfrontation schwierig. Aber ohne die Imitation ist Lernen eben nicht möglich, so dass Gee Vero sich früh ein „Patchwork-Ich“ bastelte (S. 75). „Ohne die Ich-Maske,“ so schreibt Gee Vero auf Seite 75, „bist auch du Autist, denn dann bist du nur Selbst (autos).“ Zu viel Selbstwahrnehmung führt aber dazu, dass die Maske „wegrutscht“.

Wobei mir Gee Veros Ausführungen geholfen haben ist, das Verständnis des einen oder anderen Verhaltens von Schülern (es waren ausschließlich männliche): Ich verstand nun, warum Peter, der natürlich eigentlich anders heißt, den Gang seines Mitschülers nachahmt oder schreit wie ein anderer Schüler. Ich verstand, warum er isst, wie sein Tischnachbar und Wörter benutzt, wie jemand, den er aus der Freizeit kennt. Es hat keinen Zweck ihm „Ich“ und „Du“ zu erklären, denn sicher weiß er darum, und es wäre respektlos ihm das „du“ wegzunehmen und das Verhalten als „nicht deins“ zu bezeichnen, wenn er diese Strategie braucht, um sein Selbst zu schützen, um überhaupt in dieser Welt irgendwie zurecht zu kommen.

Die Brückenbauerinnen haben gute Arbeit geleistet, mit diesem Buch, finde ich. Und es hat auch noch Spaß gemacht, es zu lesen. Auch die Vorträge von Gee Vero sind unterhaltsam und interessant und kann ich ebenfalls empfehlen.

Als Künstlerin nennt sie sich übrigens Bareface – was in Anbetracht der Beschreibungen über die Ich-Masken und ihren diagnostizierten Autismus treffender nicht sein könnte, oder? Hier gibt es ein paar Werke zu sehen und auch Bilder aus ihrem Projekt The Art of Inclusion
Hierfür verschickte sie halbe Porträts an Menschen aus der Politik, Sport, Wissenschaft oder Kultur und ließ diese die Porträts ergänzen. Interessant, finde ich.

Viel Spaß beim Stöbern, lesen, hören und Brücken begehen.

Categories: Sonderpädagogik

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